Pflege ist ein attraktiver Beruf – lasst uns darüber sprechen!26 | 05 | 23

Magnet, Pflege, Menschen, Magnetprogramm

Am 12. Mai 2023 war der internationale Tag der Pflegenden. Wie auch in den letzten Jahren haben Vertreter des Pflegebereichs diesen Anlass genutzt, um auf die Missstände im Kontext des Pflegeberufes hinzuweisen und auf sich aufmerksam zu machen. Das Resümee dieses Tages ist schlicht ernüchternd. Das Interesse an den Aktionen rund um den internationalen Tag der Pflegenden war eher gering. Auch die Pflegenden selbst haben sich nur sehr verhalten beteiligt. Mancherorts wurde der Tag der Pflegenden genutzt, um Danke zu sagen, aber sind wir mal ehrlich, was unterscheidet ein Danke an diesem besonderen Tag vom Klatschen während der Pandemiezeit? Was bleibt davon im Alltag bei uns übrig?

Ich selbst bin davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, mit ganzjährigen Aktionen auf uns und unsere Themen aufmerksam zu machen, aber – und hier möchte ich ein großes ABER einfügen – macht es uns denn attraktiv, wenn wir nur über die Probleme und Missstände berichten? Sollten wir nicht darüber nachdenken, wer wir als Pflegende sein wollen und welches Bild wir auch nach außen vermitteln wollen? Wo bleiben unsere Professionalität und unsere hochqualifizierte Expertise, wenn wir nur darüber berichten, wie schlimm alles ist?

Fachlichkeit prägt den Pflegeberuf

An dieser Stelle möchte ich zum Nachdenken über einen erweiterten Ansatz aufrufen, und zwar: Was können wir selbst tun, um unsere Situation zu verändern? Wie können wir die vorhandenen Ressourcen nutzen und die Problemlösungskompetenz, die wir schon in unserer Ausbildung in unsere DNA aufnehmen, auch in Bezug auf unsere Organisation anwenden?

Pflege ist kein Beruf von der Stange, sondern einer der agilsten Berufe überhaupt. Wir werden in unserem beruflichen Alltag immer und immer wieder vor Herausforderungen gestellt und müssen uns kreativ bedürfnisorientierte Lösungen für die uns anvertrauten Individuen überlegen. Das gelingt uns nur, wenn wir uns unserer Fachlichkeit bewusst sind und diese auch selbstbewusst anwenden und kommunizieren.

Kann eine Organisation genau dieses Selbstbewusstsein unterstützen und fördern und somit dazu beitragen, dass auch das Bild des Pflegeberufes sich verändert und attraktiver wird? Ganz eindeutig ja! Eine Schlüsselkomponente hierfür liegt in der Führung und dem Management. Dieses ist zentral dafür verantwortlich, welche Haltung und Kultur in der Organisation vorherrscht. Sich dessen bewusst zu sein, ist bereits ein erster Schritt zu einer positiveren Ausrichtung.

Organisationale Entwicklung durch Magnetprogramm

Einen möglichen Orientierungspunkt bietet das Magnetprogramm aus den USA. Dieses konnte bereits in den 80er Jahren aus einer Studie extrahiert werden. Organisationen mit den entsprechenden Merkmalen werden seither von der American Academy of Nursing (AAN) für ihren ausgezeichneten Ruf in der Patientenversorgung und ihre Fähigkeit, Pflegefachpersonen anzuziehen und zu halten, zu “Magneten” erklärt. Im Kern des Magnetprogramms geht es vor allem um organisationale und interne Prozesse, um mit den gegebenen Rahmenbedingungen bestmögliche Ergebnisse für Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitende zu erzielen. Hierbei hat sich gezeigt, dass organisationale Entwicklungen die Wahrnehmung des Berufsfelds Pflege nachhaltig und maßgeblich beeinflussen können.

In diesem Zusammenhang spielt vor allem die Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit eine entscheidende Rolle. Eine bedeutungsvolle Betätigung ist nicht nur ein menschliches Grundbedürfnis, das Einfluss auf Gesundheit, Wohlbefinden und Krankheit nimmt. Vielmehr ist sie auch ein Schlüsselfaktor für Engagement. Das Erleben von Mitarbeitenden wirkt sich sowohl auf Bewohnerinnen und Bewohner als auch auf Kolleginnen und Kollegen aus. Je positiver dieses Erleben geprägt ist und je sinnhafter die Arbeit wahrgenommen wird, desto deutlicher zeigen sich die Auswirkungen in der alltäglichen Praxis und verbreiten sich auch entsprechend. Die Empfehlungen zertifizierter Magneteinrichtungen beinhalten meist die Entwicklung eines Arbeitsumfelds für Pflegekräfte, welches Kommunikation, Zusammenarbeit und Beteiligung bei Entscheidungsfindungen in verschiedenster Hinsicht ermöglicht. Das Magnet-Konzept hat insbesondere einen wachsenden Fokus auf Autonomie und Pflegefachlichkeit in der Praxis gelegt. Dieser Fortschritt hat auch dazu beigetragen, dass sich der Pflegeberuf in den USA zu einem professionellen und fachlich anerkannten Beruf entwickelt hat.

Auf das Management kommt es an

Führung kann mit diesem Ansatz einen Rahmen vorgeben, in welchem Autonomie, Verantwortung, gemeinsame Entscheidungsfindung und vertrauensvolle Zusammenarbeit trainiert und Innovationen entstehen können (Graystone, 2018, S. 469). Dabei ist es ein Ziel, Pflegefachpersonen zu befähigen und zu begleiten, die Praxisentwicklung umzusetzen und in ihrem Sinne voranzutreiben. Die Organisation bildet hierbei die Leitplanken für den Prozess, welcher die professionelle Pflegepraxis im Kontext von Werten, Haltungen und Überzeugungen unterstützt (Anderson et al. 2018, S. 2). Führung und Management muss hier vorleben und vortanzen. Kommen diese Bemühungen bei den Mitarbeitenden an und sind transparent, wird die Organisation zu einem Magneten und kann zu einem professionellen und positiven Image des Pflegeberufs beitragen.

 

Hören Sie rein in den DGQ-Podcast zum Thema Magnetprogramm in der Pflege

Fehlende Pflegefachkräfte, mangelnde Attraktivität des Pflegeberufs – das ist nicht erst seit der Corona-Pandemie allgegenwärtig. Wie können wir diesen Herausforderungen im Berufsfeld Pflege begegnen? Antworten darauf liefert das in den USA etablierte Magnetprogramm. Im DGQ-Podcast spricht Louise Enz mit Holger Dudel, Leiter des Themenfelds Pflege bei der DGQ, nicht nur über die wichtigsten Kernpunkte des Programms und deren Umsetzung, sondern auch über die Relevanz der Einbindung von Qualitätsverantwortlichen.

Hören Sie rein in die DGQ-Podcast-Folge 22 „Von magnetischen Kräften und Organisationsentwicklung in der Pflege“: Zur DGQ-Podcastfolge »

 

Quellen:

Anderson, Vinah L.; Johnston, Amy N. B.; Massey, Debbie; Bamford-Wade, Anita (2018): Impact of MAGNET hospital designation on nursing culture: an integrative review. In: Contemporary nurse 54 (4-5), S. 483–510. DOI: 10.1080/10376178.2018.1507677.

Graystone, Rebecca (2018): Creating the Framework for a Healthy Practice Environment. In: The Journal of nursing administration 48 (10), S. 469–470. DOI: 10.1097/NNA.0000000000000652.

Über die Autorin: Louise Enz

Louise Enz ist examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und hat sich schon während ihrer Masterthesis mit den Attraktoren von Magnetkrankenhäusern in Zusammenhang mit der stationären Langzeitpflege befasst. Derzeit arbeitet sie als Vorstandsreferentin beim Paul-Gerhardt-Werk e.V. in Offenburg.

www.paul-gerhardt-werk-offenburg.de